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Weltmeisterschaft in Edmonton

Newcomerin auf der Überholspur

Kann Jenny Adams in Edmonton Gail Devers den Rang ablaufen?

29.07.01 (dg/fc) So richtig bemerkt hatte es Mitte Juli beim Sportfest in Rhede niemand. Mit Jenny Adams war eine sympathische Athletin aus den USA am Start, die gute Chancen hat, in Kürze Weltmeisterin zu sein. Der übliche Starrummel mit fordernden Autogrammjägern und langen Interviews blieb damals noch aus, ihre Anläufe in die Weitsprunggrube fast unbemerkt. Das könnte sich bald ändern, wenn sie in Edmonton die letzte Hürde nimmt und auf die Ziellinie zurast…

Es könnte in Rhede daran gelegen haben, dass Jenny Adams nur 6,37 Meter weit gesprungen ist und hinter Bianca Kappler und Sofia Schulte Dritte wurde. Bei den US-Ausscheidungswettkämpfen hatten sie 3,9 Meter pro Sekunden Rückenwind auf 6,71 Meter und den ersten Platz geschoben. Es könnte aber auch damit zu gehabt haben, dass sie nicht in ihrer Paradedisziplin, den 100 Meter Hürden, gestartet ist und deshalb in der breiten Masse der Athleten untertauchte.

Auf ihrer Spezialstrecke, den 100 Meter Hürden, katapultierte sich Jenny Adams an die dritte Stelle der Weltjahresbestenliste, hinter Delloreen Ennis-London, die bei der WM verletzungsbedingt fehlen wird, und Olga Shishigina. Nacheinander gewann sie die Meetings in Zagreb (12,72 sec), Lausanne (12,68 sec), Paris (12,81 sec) und Nizza (12,89 sec). Schließlich konnte sie, vor ihrer Rückkehr von Europa in ihre Heimat nach Houston/Texas, noch das Weltklassefeld in Stockholm knapp in Schach halten und behauptete sich mit 12,84 Sekunden vor Anjanette Kirkland.

Selbst über Zeit bei den US-Trials in Eugene geschockt

Mit Gail Devers, die als Titelverteidigerin via Wild Card gesetzt ist, Kirkland und Donica Merriman bildet sie nach den Ergebnissen der Trials das Hürden-Team für Edmonton. In Eugene war ihr im Vorlauf eine famose Zeit gelungen. Bei 12,61 Sekunden blieb die Uhr stehen, allerdings bei unzulässigem Rückenwind. Trotzdem freute sie sich riesig: „Ich war geschockt. Ich hatte gar nicht versucht, so schnell zu rennen, ich wollte nur meinen Rhythmus finden.“ Im Finale wurde sie schließlich Zweite hinter Gail Devers, war aber insgesamt zufrieden, obwohl ihr der Start völlig misslang. „Die Zeit war enttäuschend, aber ich bin im Team. Dafür kam ich damals nach Eugene“, erinnert sie sich.

Adams, die mit 16 Jahren vom Flachsprint auf die Hürden umstieg, entspricht nicht unbedingt dem Bild einer us-amerikanischen Athletin, die doch in ihrer Mehrzahl schwarzer Hautfarbe sind und insbesondere in den Sprint- und Sprungdisziplinen die internationalen Wettkämpfe dominieren. Als Zuschauer fällt es schwer, sie in Verbindung mit den genanten Leistungen zu bringen. Speziell in Rhede war es Jenny Adams gar nicht so unrecht, relativ unerkannt geblieben zu sein und das Sportfest genießen zu können: „Ich hatte davor eine harte Woche mit vier Rennen in Folge. Manchmal ist es ratsam, wieder runter zu kommen und zu entspannen.“ Wenn man sich mit ihr unterhält, merkt man schnell, dass das äußere Erscheinungsbild täuscht. Sie ist ein Profi und weiß sich routiniert in Szene zu setzen.

Carl Lewis, der Mentor – Leroy Burrell, der Tippgeber

Jenny Adams startet für den ruhmreichen Santa Monica Track Club und will sich die nächsten Wochen weiter verbessern. Carl Lewis, der den SMTC berühmt gemacht hatte, bezeichnet sie als eine Art „Mentor“. Leroy Burrell, ein weiteres früheres Ass aus dem gleichen Stall, unterstützt sie mit Ratschlägen: „Er hilft mir sehr viel im mentalen Bereich.“ Für den Feinschliff stehen ihr Kyle und Tom Tellez zur Seite. Im Winter hatte sie ihren Abschluss in Unternehmenskommunikation an der Universität von Houston gemacht. In Edmonton zeigt sich nun erstmals, ob sie den Sprung aus der erfolgreichen Collegekarriere, die sie in diesem Jahr mit dem Weitsprungtitel bei den Nationals krönte, in den Profisport schafft. Auch wenn sie im Weitsprung die einzige US-Starterin ist, ruhen die Hoffnungen vor allem auf den Hürden. Dort wird sie im Commonwealth Stadium bald auf die Ziellinie zurasen. 

Das US-Girl will vor allem auch aus dem Schatten einer Gail Devers treten. „Ihre Anwesenheit beeindruckt mich nicht mehr. Ihr gehört nicht die Bahn, sie gehört mir. Das ist die Einstellung, die man braucht, um Rennen zu gewinnen“, sagt sie selbstbewusst. Und das ist das Ziel von Jenny Adams bei den bevorstehenden WM. Wenn sie dann später auf dem Siegertreppchen ganz oben stehen sollte, werden die Tage, an denen sie unbemerkt bei einem kleinen Sportfest wie in Rhede antreten konnte, der Vergangenheit angehören.