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Olympische Sommerspiele in Sydney

Dopingfall Hunter überschattet Spiele

Zwischenbilanz nach vier Leichtathletik-Tagen – Erst eine DLV-Medaille

26.09.00 (fc) Die Leichtathleten legen in Sydney einen Ruhetag ein. Zeit und Gelegenheit, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Der Sport sollte dabei im Mittelpunkt stehen, aber einer hatte etwas dagegen: C.J. Hunter, US-Kugelstoßer und Ehegatte von Marion Jones (Bild). Seine positiven Dopingproben im Jahresverlauf, die gerade jetzt bekannt wurden, beherrschen die Schlagzeilen zur Halbzeit der Leichtathletik-Bewerbe. Aus deutscher Sicht sorgte der verlässliche Lars Riedel am gestrigen Montag für die erste Medaille. Diesmal wurde er vom Litauer Virgilius Alekna bezwungen, aber auch mit Silber war der Chemnitzer zufrieden.

Sieht man vom Ausscheiden der Hammerwerfer in der Qualifikation ab, fällt das deutsche Fazit noch befriedigend aus. Das liegt aber in erster Linie daran, dass die großen Medaillenhoffnungen erst in den nächsten Tagen in die Wettkämpfe einsteigen. Die Favoritenrolle von Diskuswerferin Franka Dietzsch scheint nach ihrer schwachen Leistung in der Qualifikation (Gesamtplatz zwölf) zu wanken, obwohl mit Nicoletta Grasu die Weltjahresbeste das Finale nicht erreichte. Morgen werden sich Astrid Kumbernuss, Heike Drechsler und die drei Stabhochspringer um den Leverkusener Danny Ecker in der Ausscheidung vorstellen. Am Freitag gibt Speerwerferin Tanja Damaske erstmals ihre Visitenkarte im Olympiastadion ab.

Schumann positive Erscheinung
Nils Schumann war von den jungen Athleten die positivste Erscheinung. In beeindruckender Manier gewann er sein Halbfinale und zog triumphierend in den Endlauf ein. Dort treffen fast nur Medaillenkandidaten aufeinander. Ein spannendes und heißes Rennen ist morgen zu erwarten. Die Hürden-Hoffnungen Thomas Goller und Ulrike Urbansky blieben im Halbfinale hängen, aber – obwohl sie sich bereits in Sydney mehr vorgenommen hatten – steht deren große Zeit wohl erst noch bevor. Ähnliches gilt für 800-Meter-Läuferin Claudia Gesell, mit deren Leistungen man im DLV-Lager zufrieden war. Für das Ziel Olympia setzte Charles Friedek seine Gesundheit auf’s Spiel. Sein Vereinsarzt hatte ihm die Hoffnung gegeben, das das angeschlagene Knie die Wettkampfbelastung aushalten würde. Und er sollte recht behalten. Trotzdem konnte der Dreisprung-Weltmeister die mit der Verletzung verbundene psychische Belastung nicht vom Tisch wischen. Deshalb gebührt dem Leverkusener alleine schon für das Erreichen des Finales Anerkennung, die ihm auch der frischgebackene Olympiasieger Jonathan Edwards aussprach.

Zwei von drei britischen Goldwünschen gingen in Erfüllung
Apropos Edwards! Für ihn ging nun zum Ende der Laufbahn endlich der Traum vom Olympischen Gold in Erfüllung und man spürte seine Rührung, als er zu seinem letzten Sprung anlief, nachdem bereits sein Sieg feststand. Zu den Verlierern gehörte ein anderer Goldjäger – Colin Jackson. Zum vierten Mal war er bei den Spielen dabei, zum dritten Mal in Folge tritt er die Heimreise mit leeren Händen an. Enttäuscht verwies der Weltmeister und Weltrekordhalter nach seinem fünften Platz auf seine lange Erfolgsliste. Mit Denise Lewis konnte eine weitere Goldhoffnung des britischen Verbands die Erwartungen erfüllen. Aber die Olympiasiegerin war kurz davor, aufzugeben. Ein Wort ihres Coaches Charles van Commenee hätte ausgereicht. Die Schmerzen waren groß, die Physiotherapeuten gefordert. Lewis kämpfte sich wie die Deutsche Karin Ertl durch und erfüllte sich ihren Traum von Gold. Aber zufrieden war sie trotzdem nicht ganz – die 6584 Punkte waren ihr zu wenig.

C.J. Hunter – Kern der Dopingdiskussionen
Die Schlagzeilen gehören derzeit ohnehin anderen. Vor allem C.J. Hunter. Er war beim Golden-League-Meeting in Oslo Ende Juli positiv getestet worden. Der Dopingbefund sollte erst nach den Olympischen Spielen die Öffentlichkeit erreichen. Aber irgendwie drang das Gerücht durch und IOC, Weltverband IAAF und US-Verband blieb nichts anderes übrig, als diesen positiven Test zu bestätigen. Nun stellten sich Hunter und seine Ehefrau Marion Jones einer Pressekonferenz, in der sich die 100-Meter-Olympiasiegerin zu ihrem Gatten bekannte: „Er ist mein Ehemann und ich unterstütze ihn voll und ganz.“ Hunter selbst war zu Tränen gerührt und ratlos, wie das passieren konnte. Trotzdem wirft dieser Fall einen Schatten auf Jones und ein schlechtes Licht auf den US-Verband, dem der Fall bekannt war und der Hunter deshalb nahe legte, keine Wettkämpfe zu bestreiten. Die Verantwortlichen halten sich überwiegend bedeckt. Die USA haben einen Dopingskandal, der auch in eigenen Reihen zum Nachdenken anregt. Kim Batten, Weltrekordhalterin über 400 Meter Hürden, sprach von einer Bürde, die sie zwangsläufig mitzutragen hätte: „Nur, weil man Spitzenleistungen erbringt, zeigen manche heimlich mit dem Finger auf einen. Jetzt bin ich im Halbfinale ausgeschieden. Was sagen diese Leute jetzt?“ Stacy Dragila nahm von dem Wirbel um die US-Mannschaft nur am Rande Notiz – sie machte ihr nach eigener Aussage ehrlich erkämpftes Gold um den Hals einfach nur glücklich.

Die saubersten Spiele sollten es werden, aber der Fall Baumann, der es wieder schaffte, zur rechten Zeit im Mittelpunkt zu stehen, läutete nur eine Lawine an Meldungen, Suspendierungen, Gerüchten und Spekulationen in einzelnen Olympischen Sportarten um das traurige Thema Doping ein. Dass das Anti-Doping-System noch längst nicht ausgereift ist, führte unmittelbar nach dem Gezerre um Dieter Baumann nun auch der US-Verband mit seinem Kugelstoßer Hunter vor. Noch hat es in der Leichtathletik während der Olympischen Spiele noch keinen unmittelbaren positiven Dopingtest gegeben. Aber in den Köpfen vieler Beobachter läuft spätestens jetzt zumindest Skepsis mit. Bedauerlicherweise rückt gerade das die Leistungen der sauberen und ehrlichen Athleten in den Hintergrund. 

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