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Olympische Sommerspiele in Sydney

Zweiter Olympiasieg für Drechsler

El Guerrouj besiegt – DLV-Sprintstaffel im Finale – Bronze für Münchow

29.09.00 (fc) Die Hoffnungen der deutschen Fans ruhten am siebten Leichtathletik-Tag im Olympiastadion von Sydney auf den Schultern von Heike Drechsler und den drei Stabhochspringern. Aber auch Hammerwerferin Kirsten Münchow war zum Saisonhöhepunkt topfit und holte sich mit neuem deutschen Rekord die Bronzemedaille. Den 3000-Meter-Hindernislauf entschied der Kenianer Reuben Kosgei für sich. Damian Kallabis kam nach einem Sturz abgeschlagen ins Ziel. Eine bittere Niederlage musste auf der Zielgerade über 1500 Meter Hicham El Guerrouj gegen Noah Ngeny hinnehmen. Heike Drechsler hüpfte und tanzte zu den Klängen der Musik auf der Ehrenrunde. Mit 6,99 Metern war sie zu ihrem zweiten Olympiasieg gesprungen. Hingegen musste sich Michael Stolle mit Rang vier begnügen. Den Stabhochsprung gewann etwas überraschend Nick Hysong (USA).

Im Hammerwerfen der Frauen lieferte Kirsten Münchow (D) im ersten Versuch bereits gute 66,42 Meter ab. Im dritten Wurf steigerte sie sich auf 67,81 Meter. Die Favoritin Olga Kusenkova (RUS) tat sich schwer und lag mit 69,64 Metern nach drei Durchgängen auf dem zweiten Rang hinter der jungen Polin Kamila Skolimowska (71,16 m). Kirsten Münchow setzte sich im fünften Versuch mit neuem Landesrekord von 69,28 Metern auf den dritten Platz! Bei diesem Stand blieb es auch. Lediglich Kusenkova konnte sich noch auf 69,77 Metern steigern. Neue Olympiasiegerin ist jedoch die 17jährige Polin. Kirsten Münchow freute sich über die Bronzemedaille. Damit kehrte im deutschen Hammerwurflager nach dem enttäuschenden Abschneiden der Männer doch noch Jubel ein. Kirsten Münchow konnte es nicht nicht so recht glauben: „Ich habe gekämpft und deutschen Rekord geworfen. Ich freue mich tierisch über Bronze.“

Kallabis im Pech – Reuben Kosgei gewinnt „Steeple“
Damian Kallabis (D) mühte sich über 3000 Meter Hindernis. Mit einer Oberschenkelblessur in den Endlauf gegangen, stürzte er zu allem Überfluss („Es war mein eigener Fehler“) noch zu Beginn und hing dem Feld später chancenlos hinterher, nachdem er zwischenzeitlich noch einmal Anschluss gefunden hatte. Vorne gaben die Kenianer mit den Marokkanern und Spaniern im Schlepptau den Ton an. Auf der Zielgerade liefen die Kenianer um den Sieg. Junioren-Weltmeister Reuben Kosgei entschied in 8:21,43 Minuten den Sprint gegen Wilson Boit Kipketer für sich. Der Marokkaner Ali Ezzine überlief auf den letzten Metern noch Bernard Barmasei. Kallabis kam weit abgeschlagen ins Ziel, als die Konkurrenten schon auf der Bahn saßen und verschnauften. 

Bittere Niederlage für Hicham El Guerrouj gegen Noah Ngeny
Als Topfavorit ging Weltmeister Hicham El Guerrouj (MAR) in den Endlauf über 1500 Meter. Auf den ersten Runden bediente er sich seines Landsmanns Youssef Baba als Tempomacher, der sich nach zwei Minuten zurückfallen ließ. El Guerrouj forcierte weiter die Pace. Hinter ihm die gefürchteten Kenianer. Würde die Taktik der Nordafrikaner aufgehen? Auf der Zielgerade attackierte Ngeny und schob sich an El Guerrouj heran und vorbei. Sein Widersacher brachte ihm in schnellen 3:32,07 Minuten die erste Niederlage seit vier Jahren bei. Als Dritter kam Bernard Lagat (KEN) ins Ziel

Deutsche Stabhochspringer ohne Medaille – Olympiasieg für Nick Hysong
Im Stabhochsprung zeigte Michael Stolle bei 5,50 Metern Nerven. Nach einem ungültigen Sprung kam er beim zweiten nicht in die Luft. Tim Lobinger nahm die Höhe im zweiten Anlauf. Seine dritte Chance nutzte auch Stolle, als er seine gesamte Konzentration zusammennahm und die Höhe deutlich überquerte. Nach diesem Nervenkitzel meisterte er die 5,70 Meter gleich im ersten Sprung. Als erster Deutscher blieb Tim Lobinger an dieser Höhe hängen. Bei 5,80 Metern kamen Stolle und Ecker einheitlich im zweiten Versuch über die Latte. Dann die (vor)entscheidende Höhe. Nick Hysong (USA) war der Erste, der 5,90 Meter bezwang. Sein Landsmann Lawrence Johnson folgte ihm im zweiten Versuch. Maxim Tarasov zog im dritten Sprung nach und auch Michael Stolle brachte eine weitere Zitterpartie erfolgreich zu Ende. Dafür verabschiedete sich Danny Ecker aus der Konkurrenz als Achter. 5,96 Meter waren schließlich für alle vier verbliebenen Stabakrobaten zu hoch. Gold ging somit etwas überraschend an Nick Hysong (USA), der bis dahin eine weiße Weste hatte. Zweiter wurde sein Landsmann Lawrence Johnson (USA) vor dem Weltmeister Maxim Tarasov (RUS). Michael Stolle blieb der unglückliche vierte Platz.

Heike Drechsler setzt sich im Weitsprung durch und erobert das Publikum
Im Weitsprung der Frauen übernahm Heike Drechsler im dritten Versuch mit glänzenden 6,99 Metern die Führung. Marion Jones (USA) kam zu diesem Zeitpunkt bis auf sieben Zentimeter an die Deutsche heran. Auch die Italienerin Fiona May sprang auf diese 6,92 Meter und hatte die bessere zweite Weite vorzuweisen. Susen Tiedtke bangte vor ihrem dritten Versuch um den Einzug in den Endkampf der besten Acht. Mit Glitzer im Haar erreichte sie eine Weite von 6,74 Metern und reihte sich auf Platz sechs ein. Die Russin Tatjana Kotova schob sich mit 6,83 Metern auf den vierten Rang. Somit hatten sich alle Favoritinnen vor den letzten drei Durchgängen hinter Heike Drechsler positioniert. Und dabei blieb es. Keine der namhaften Springerinnen konnte die 6,99 Meter übertreffen. Die Gesamtsechste Susen Tiedtke war die erste Gratulantin. Später nahm sie ihr Lebensgefährte Alain Blondel in den Arm. Auf der Ehrenrunde sah man Heike Drechsler noch nie so gelöst, locker und freudestrahlend! Ihre Kontrahentinnen May und Jones freuten sich mit der Deutschen, die auch die Herzen des Publikums eroberte. Ihre Freude war grenzenlos: „Ich bin emotional total überwältigt.“ Ihr Manager Robert Wagner und ihre Kollegin Sofia Schulte empfingen sie in der Mixed Zone, noch ehe sie sich dem obligatorischen Fernsehinterview stellte.

Deutsche 4×400-Meter-Staffel ausgeschieden- Sprintstaffel im Finale
In einer völlig neuen Formation ging die deutsche 4×400-Meter-Frauen-Staffel in den Vorlauf und traf dort auf die USA. Shanta Ghosh, Ulrike Urbansky, Birgit Rockmeier und Florence Ekpo-Umoh mussten mit dem vierten Platz in 3:27,02 Minuten Vorlieb nehmen, nachdem sich Birgit Rockmeier zwischenzeitlich an die dritte Stelle geschoben hatte. Das reichte nicht, um über die Zeitschnellsten das Finale zu erreichen. Die etwas gehemmt wirkende deutsche Staffel konnte in dieser ersatzgeschwächten Besetzung unsere Hoffnungen nicht erfüllen. Nigeria war in 3:22,99 Minuten am schnellsten.  In den Halbfinals über 4×100 Meter lief Sevatheda Fynes in 42,41 Sekunden die Farben der Bahamas locker ins Finale, während die US-Schlussläuferin Passian Richardson als Zweite deutlich abfiel. Im zweiten Rennen war Andrea Philipp mit ihren Kolleginnen Gaby Rockmeier, Sabrina Mulrain und Marion Wagner nach dem guten Vorlauf am Morgen ein weiteres Mal gefordert. Trotz eines schlechten Wechsels von Mulrain auf Philipp konnte die DLV-Staffel den dritten Rang und damit den direkten Aufstieg ins Ziel bringen. Andrea Philipp im Hinblick auf das Finale: „Da werden die Karten neu gemischt.“ Neu gemischt werden sie auch bei den Männern – aber nur hinter den USA, die mit 37,82 Sekunden die schnellste Halbfinalzeit liefen. Die ersatzgeschwächten Kanadier und die indisponierten Nigerianer werden im Finale fehlen. Somit sprinten vor allem die Kubaner, Jamaikaner und Brasilianer um die Medaillen mit.

Über 4×400 Meter konnte Alvin Harrison locker in 2:58,78 Minuten auslaufen und die Verfolger noch herankommen lassen. Das Erreichen des Endlaufs war nie gefährdet. Im zweiten Lauf setzte sich Nigeria in 3:01,06 Minuten durch. Aber soviel steht fest: in den Männerstaffeln können sich die USA nur selbst besiegen. Etwas spannender wird es in beiden Staffeln der Frauen am Samstag, an dem vor dem Marathon der Männer am Sonntag die letzten Entscheidungen fallen.

Bericht zu den Vormittagswettkämpfen des 7. Tages

– Die kompletten Resultate finden Sie in unserer Ergebnisrubrik –

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