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Marathon-Rück- und Ausblick

Ist Antonio Pinto der Dominator?

Sydney erwartet hochkarätige Marathons – Takahashi heißer Tipp

22.04.00 (fc) Die Marathon-Saison hatte Mitte April mit den Läufen in London, Boston, Hamburg und Rotterdam ihren Höhepunkt erreicht. Fast alle Spitzenläufer gaben ihre Visitenkarte bei einer dieser Veranstaltungen ab. Der Triumphator des Marathon-Wochenendes war zweifelsfrei der Portugiese Antonio Pinto, dem die Revanche an Abdelkader El Mouaziz für die Niederlage im Vorjahr in beeindruckender Manier gelang. Im kenianischen Lager ging es um die Tickets für die Olympischen Spiele. Wenn die Bahnläufer erst in die Saison starten, beginnt für die Marathon-Asse schon die Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt. 

Tegla Lorupe gilt als die derzeit beste afrikanische Langstreckenläuferin. In Sydney plant sie unter Umständen einen Doppelstart im Marathon und über 10.000 Meter. In London lief sie den Sieg nach Hause, gestand allerdings nachher, dass sie wegen Hüftbeschwerden, die sie schon länger plagen, das Rennen verhalten anging. Ihre Freundin Joyce Chepchumba, die gemeinsam mit ihr in Deutschland lebt und trainiert, sicherte sich in London den zweite Olympiaplatz. Um die offene Position streiten sich Esther Wanjiru, die in Osaka als Drittplatzierte glänzende 2:23:31 Stunden gelaufen war, und Boston-Marathon-Siegerin Caterine Ndereba. Ndereba hatte in Boston Olympiasiegerin Fatuma Roba besiegt und gilt als hervorragende Straßenläuferin. Bei den Männern holten sich ebenfalls in Boston Sieger Elijah Lagat und Moses Tanui die Startberechtigung für Sydney. Der dritte Platz ist noch vakant. Eine Entscheidung will der kenianische Verband bis Ende April fällen.

Eins scheint festzustehen. In Sydney sind vor allem die kenianischen Frauen für den Sprung auf’s Siegertreppchen bereit. Kein Rennen ist aber so unberechenbar wie der Marathon. Zuviel kann passieren, zuviel wird taktiert und viel zu sehr hängt der Erfolg wie ein seidener Faden an der Tagesverfassung der Aktiven. Wer hatte bei der letzten WM Song-Ok Jong auf der Rechnung? Ein heißer Tipp für den Olympiasieg ist die Japanerin Naoko Takahashi (Bild), die derzeit die Weltjahresbestenliste mit in Nagoya gelaufenen 2:22:19 Stunden anführt. In Sevilla war sie im Team, konnte letztlich aber verletzungsbedingt nicht an den Start gehen. Aber bereits damals strotzten sie und ihr Trainer nur so vor Selbstbewusstsein und gaben Gold in Sydney als das Ziel aus, auf das sie nun hinarbeiten würden. Läuferinnen, die derzeit sogar zweimal in den Top Ten des Jahres auftauchen, sind Osaka-Marathon-Siegerin Lidia Simon (RUM) und Elfenesh Alemu (ETH), immerhin WM-Fünfte.

Bei den Männern stellt sich die Situation wesentlich unübersichtlicher dar. Ein Ausblick auf die fast noch ein halbes Jahr entfernten Olympischen Spiele fällt schwer. Zu viele Fragen sind offen, manche der möglichen Medaillenaspiranten sind noch nicht in Erscheinung getreten. Antonio Pinto glänzte in London mit einem Europarekord und der Weltjahresbestzeit von 2:06:36 Stunden. Man darf aber nicht vergessen, dass er die Strecke in der englischen Metropole wie seine Westentasche kennt. Einer, der noch gar nicht weiß, ob er überhaupt in Australien starten darf, ist der Noch-Marokkaner Khalid Khannouchi, Inhaber der aktuellen Weltbestzeit. Er kämpft um die US-Staatsangehörigkeit. Die Formalitäten sind mittlerweile erledigt, nun liegt es in den Händen der Behörden, ob er bis zu den US-Marathon-Ausscheidungen im Mai seinen US-Pass in Händen halten wird. Für Khannouchi, der schon lange in den USA lebt, würde jedenfalls ein Traum in Erfüllung gehen und es wäre Motivation genug, den Olympiasieg in die von Erfolgen auf den Langstrecken ohnehin nicht verwöhnten Staaten zu holen. Dieses Unterfangen wollen die Marokkaner mit ihrem neuen Hoffnungsträger Abdelkader El Mouaziz allzu gerne durchkreuzen. Immerhin hat Khannouchi die Verantwortlichen mit der Aussage, er würde lieber gar nicht, als für sein Heimatland starten, vor den Kopf gestoßen. Immer auf der Rechnung sollte man die starken Spanier um Weltmeister Abel Anton haben. Dessen Kollege Martin Fiz liegt in der Weltjahresbestenliste momentan auf Rang sechs. 

Was ist mit den deutschen Läufern? Carsten Eich haderte mit dem Schicksal, als er in Hamburg als enttäuschter Vierter einlief. Das Anfangstempo sei zu hoch gewesen, meinte er. Die routinierte Katrin Dörre-Heinig konnte beim Hanse-Marathon auch nur als Zweite das Ziel erreichen, nachdem ihr ein Fersensporn zu schaffen machte. Sonja Oberem, exzellente Sechste in Sevilla im letzten Jahr, stellt sich demnächst beim Wien-Marathon vor. Sie hat genug internationale Erfahrung, um in Sydney eine gute Rolle zu spielen. Michael Fietz löste beim Rotterdam-Marathon sein Olympia-Ticket. Für ihn wird jedoch mehr das Olympische Motto im Vordergrund stehen.

Wie dem auch sei! Für genug Brisanz auf der Marathondistanz ist im Olympiajahr gesorgt. Sydney darf sich auf zwei hochkarätige und spannende Wettkämpfe freuen!

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