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Skandiavienlauf

3000 Kilometer durch Nordeuropa

Christian Sörensen berichtet nach seinem Abenteuer über die Erlebnisse

Letztlich darf ich behaupten, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie ich es dann doch zu Fuß nach Tromsø geschafft habe. Ich weiß nur, dass mich sehr, sehr viel Frust bereits nach 37 Tagen dort hat eintreffen lassen. Ach übrigens – eh ich’s vergesse – der Tag meiner Ankunft (20. Juni) war der erste von dann sehr vielen Tagen mit strahlendem Sonnenschein… 24 Stunden pro Tag und – obwohl rund 400 Kilometer nördlich des Polarkreises – Temperaturen wie im Mittelmeerraum. Meine Ankunft in Tromsø fällt ebenfalls in die Kiste „Schwamm drüber“. Diverse E-Mails meiner Schwester sind schlichtweg nicht zum Marathonveranstalter durchgekommen und ein norwegischer Vertreter meines deutschen Sponsors hat mich dann auch hängen lassen.

Zwei Nächte habe ich dann im Wald gehaust, mir zwischendurch eigenhändig den Marathonveranstalter und die Presse herbeordert und schließlich dann doch noch eine Bleibe gefunden: Auf der Wiese eines Hotels habe ich dann in meinem Zelt, welches dann doch einen eigenartigen – etwas fauligen – Geruch angenommen hatte, in unmittelbarer Nähe zum Flughafen und einer vielbefahrenen Strasse schlafen dürfen. Aber Frühstück habe ich bekommen und die Möglichkeit, Dusche, Pool und Sauna zu benutzen. Ich glaube, man kann sich das gar nicht vorstellen, wie wichtig so ein Duschgang für jemanden sein kann, der sich 20 Tage lang in der Regel – mit einem Stück Seife bewaffnet – in eiskaltem Bach- oder Seewasser zu reinigen versucht hat. Später hat mich dann einer der beiden Organisatoren des Midnight Sun Marathon bei sich aufgenommen und ich fand zum ersten Mal wieder ein Bett. Apropos Organisatoren: Nils I. Hætta, der nur in den letzten vier Wochen vor dem Marathon Unterstützung bei der Organisation des Laufs erhält und sich dementsprechend jedes Jahr im Juni im Dauerstress befindet, hat trotz diesen Zustands viel Zeit dafür aufgewendet, sich um meine Belange – in erster Linie ist da wohl die Suche nach einer Unterkunft zu nennen – zu kümmern. Im Gegenzug habe ich dann – weil ich ja bis zum Austragungsdatum der Veranstaltung nun doch etwas Freiraum hatte und ich ohnehin meinen Beinen eine kleine Pause gönnen musste – im Marathonbüro bei der Katalogisierung der Teilnehmer geholfen, bzw. mich bei der Neuvermessung und Markierung der Laufstrecke nützlich gemacht.

Was ich über Norwegen gelernt habe

Landschaftlich ist Norwegen sicherlich sehr reizvoll, aber – und das ist das große wichtige Aber an der ganzen Sache – wenn sich dieses Landschaftsbild bestehend aus schneebedeckten Bergen, Bächen, Fjorden und Wäldern notorisch wiederholt, dann kann es einem mitunter ganz schön auf die Nerven fallen; zumal, wenn das Wetter so überhaupt nicht mitzuspielen bereit ist – überdies sollte man wohl, sofern man Norwegen kennen lernen möchte, die E6 möglichst häufig verlassen. 

Tiere scheinen in Norwegen fast gar nicht zu existieren: Rentiere, Elche und Wölfe sind mir somit nicht begegnet. Was mir aber – auch später in Tromsø – aufgefallen ist, waren die sehr gut erzogenen und fast immer an der Leine geführten Hunde, mit denen die Läufer vor Ort überhaupt keine Probleme während des Trainings haben. Damit wären wir beim Training: Wenn man im acht Monate andauernden Winter nicht in der großen überdachten Sporthalle trainiert, so zieht es viele Läufer Tromsøs in einen zu einem Parkhaus umgebauten Tunnel, um dort Intervalle zu bolzen – man muss sich halt nur zu helfen wissen. 

Helfen: die Hilfsbereitschaft in der norwegischen Bevölkerung ist wesentlich höher als das in unseren Breiten der Fall ist und ging in meinem Fall soweit, dass ich in der Regel drei- bis viermal täglich die Einladung diverser Autofahrer, mich mitnehmen zu wollen, dankend ablehnen durfte, was bei meiner zunehmend kümmerlichen Erscheinung zu ungläubigem Minenspiel auf Seiten der Anbieter führte. Ein weiteres interessantes Phänomen Norwegens ist das Verhältnis von Einwohner- zu Häuserzahl. Auf etwa 4,5 Millionen Norweger kommen mindestens genauso viele Häuser. Das hängt wohl damit zusammen, dass jede norwegische Familie neben dem Hauptwohnhaus noch ein Winter-, ein Sommer- und ein Ersatzhaus vorzuweisen hat. Das ist zumindest mein bescheidener Eindruck…

von Christian Sörensen

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