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32. New-York-City-Marathon

Ansteckende Begeisterung 
trotz Teilnehmerschwund

Vorabdruck aus der Dezemberausgabe des SPIRIDON-Laufmagazins von Chefredakteur
Manfred Steffny, der zum 22. Mal den New York City Marathon besuchte und zum
sechsten Mal mitlief. Infos über SPIRIDON siehe: www.laufmagazin-spiridon.de

Am Tag des Rennens waren vier von fünf Brücken, über die der Marathon führte, vollkommen gesperrt. Der Läufertransport über die Verrazano-Brücke in das Gebiet der traditionellen Versammlung vor dem Rennen, das Fort Wadsworh in Staten Island, musste bereits um 8 Uhr abgeschlossen sein, die letzten Busse aus Manhatten mussten schon um 7 Uhr losfahren. Und das bei einem Start um 10.50 Uhr. In Staten Island erfolgten erneute persönliche Kontrollen, das schon mit hohen Stacheldrahtzäunen versehene  Fort-Gelände war zusätzlich weiträumig abgesperrt. Das stundenlange Warten wurde jedoch erleichtert durch das klare, schöne Wetter. Wer sich als Marathon-Held feiern lassen wollte, brauchte trotz der Furcht vor Terroristen mehr Geduld als Mut. 

Dann wurde es ernst für die drei riesigen Startgruppen am Brückenkopf. Das für den Berlin-Marathon entworfene und nach New York eingeflogene Riesentransparent ,,United We Run“ wurde auf dem Beton ausgebreitet und war diesmal ein besseres Foto-Objekt als in Berlin.  Mit zwei Minuten Verspätung nach Gesang melancholischer Lieder und der Nationalhymne gaben Bürgermeister Giuliani und Renndirektor Steinfeld den Startschuss. Der Slogan ,,United We Run“ übertrug sich auch auf das Verhältnis von Zuschauern und Läufern. Die Reihenhaus-Besitzer im Süden von Brooklyn standen Spalier und applaudierten den Läufern, hinter ihnen Stars-and-Stripes-Flaggen im Vorgarten aufgepflanzt oder aus den Fenster hängend. Später in den ethnischen Gebieten überwogen Doppelflaggen: oben Mexiko, Venezuela, Puerto Rico oder Italien, unten USA oder umgekehrt. Hier überschlug sich die Begeisterung, spielten Live-Kapellen, tönte Musik aus den Lautsprechern. Ganze Straßenzüge rissen mit ,,Go, go, go!“-Rufen unentwegt die Arme hoch, viele Läufer ließen sich anstecken von dieser Stimmung. Apropos anstecken: den von der Polizei diktierten Hinweis des Veranstalters, man möge wegen Vergiftungsgefahr unterwegs keine Getränke außerhalb der offiziellen Stationen annehmen, wurde im Eifer der Jubelfeier souverän missachtet. Auf der Bedford Avenue bei km 16-17 war es dann vorbei mit der südländischen Begeisterung der Einwanderer. Hier stehen in jedem Jahr stocksteif im schwarzen Gehrock und Zylinder die hassidischen Juden. Doch diesmal sah man unter den traditionell zurückhaltenden orthodoxen Juden einige Jüngere lebhaft in die Hände klatschen. Nach der diesmal geradezu unheimlichen Stille auf der nur für Läufer freigegebenen Queensboro-Brücke brach auf der First Avenue gerade zu ein Orkan los. Das Stimmungshoch setzte sich fort auf der langen Geraden mit den immer höher werdenden Straßennummern, bis es über die Willis Bridge rechts ab in die Bronx ging. Und auch hier in der alten Problemzone der ,,Five Boroughs“, waren die Anfeuerungen nicht schlechter als in dem sich anschließenden Streckenteil im lauten Schwarzenviertel Harlem. Die Bronx entwickelt sich allmählich zur Läuferhochburg. Beim Lauf der Schülerinnen über 4 km am Vormittag im Central Park mit dem Original-Ziel zeigten drei Mädchen der Schule ,,Bronxville“ ihre eigene Variante des Slogans ,,United We Run“: sie liefen mit großem Vorsprung nebeneinander ins Ziel. In den 70-er Jahren hatten weiße Läufer Angst, durch Harlem zu laufen, sie war grundlos, besonders gefeiert wurden hier allerdings die ,,black brothers“. Doch längst ist Normalität eingekehrt, wirkt die Szene mit Waschbrett-Musik in Harlem geradezu gemütlich, hätte man nicht schon 35, 36 oder 37 km in den Beinen. Eine nicht durch Terrorismus-Furcht begründete Streckenänderung bescherte anschließend den Läufern eine lange Gerade auf der Fifth Avenue. Statt in der 102. Straße ging es erst in der 90. Straße in den Central Park mit seiner goldbraunen Herbstpracht, womit ein unangenehmer Buckel bei km 37 ausgebügelt wurde, der in der Vergangenheit oft das Rennen entschieden hatte. Diesmal half der unmerkliche Anstieg mit zu den Streckenrekorden.

Auf den Zieltribünen vor ,,Tavern on the Green“ trat endgültig das sportliche Ereignis statt der Emotionen in den Vordergrund. Während das Gros der Teilnehmer sich Zeit liess – der Letzte kam nach 6:51 Stunden ins Ziel, der normale Marathon-Held hatte ja schon im Vorfeld des Laufs ausgiebig Geduld bewiesen – hatte die Spitze es außerordentlich eilig. Gleich zwei  Streckenrekorde, das gab es zuletzt 1981, als Alberto Salazar (USA) und Allison Roe (Neuseeland) sogar auf einer später um etwas über hundert Meter zu kurz befundenen Strecke Weltbestzeiten erzielten. Bei den Männern war der 25-jährige Äthiopier Tesfaye Jifar ständig von fünf Kenianern umgeben. Doch er löste sich bei der 22. Meile von den beiden verbliebenen Läufern Japhet Kosgei und Rodgers Rop und legte das kritische Stück zwischen km 35 und 40 im Central Park mit seinen Bodenwellen in 15:20 min zurück. Obwohl der etwas langsamer wurde, verbesserte er mit 2:07:43 h den zwölf Jahre alten Streckenrekord des Tansanianers Juma Ikangaa von 2:08:01 deutlich. Damals war es kühl, ein unterstützender Wind half durch Brooklyn und liess später nach, als auf den Schlußkilometern in der umgekehrten Nord-Süd-Richtung gelaufen wurde. Es war Tesfaye Jifars erster Marathonsieg, obwohl er mit 2:06:49 h als Zweiter in Amsterdam 1999 eine Superzeit stehen hat.

130 000 Dollar – 80.000 für den Sieg plus Zeitbonus – und ein Auto gewann der Äthiopier. Der Vorjahrszweite Japhet Kosgei in 2:09:19 und Rodgers Rop aus Kenia in 2:09:51 waren da schon abgeschlagen. Die Kenianer, die 1997-1999 in New York gewonnen hatten, konnten sich mit dem Sieg von Margaret Okayo trösten, die den Streckenrekord von Lisa Ondieki aus dem Jahr 1992 mit 2:24:21 h um 19 Sekunden verbesserte und dafür 115.000 Dollar plus ein Auto kassierte. Ihre Landsfrau Susan Chepkemei eroberte sich in einem sehenswerten Schlussspurt in 2:25:12 mit einer Sekunde Vorsprung vor der Russin Swetlana Zacharowa Platz zwei. Vorjahrssiegerin Ludmilla Petrowa war als Sechste in 2:26:18 am Abend in der Disco im roten Kleid die Attraktivste. New York war diesmal zugleich die US-Meisterschaft. Da legte die erfolgreiche Bahnlangstrecklerin Deena Drossin auf Platz sieben ein glänzendes Debüt mit 2:26:58 h hin. Es wurde belohnt mit 21.000 Dollar. Bei den Männern war die Bilanz eher düster mit schwachen 2:15.26 h durch den neuen US-Meister Scott Larson, für den es dennoch klingende Münze gab: 15.000 Dollar für den Sieg und einen Zeitbonus von 1.500 Dollar.

Bester unter diesmal nur etwas über tausend deutschen Finishern war Klaus Eckstein aus Nordhorn auf Rang 70 in 2:32:09. Einen deutschen Sieger gab es in der Altersklasse M60 durch Walter Koch aus Filderstadt. Der 62-jährige gewann in 2:47:44 als Gesamt-258. diese Klasse bereits zum zweiten Mal. Insgesamt blieben 671 Läufer und Läuferinnen unter drei Stunden. Unter dieser Marke blieb auch die vom Leistungssport zurückgetretene New-York-Siegerin von 1997, Franziska Rochat-Moser aus der Schweiz, die als 59. Frau in 2:58:44 h ankam. 

 

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