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Der Dopingfall Baumann

Deutschlands Saubermann suspendiert

Fraktionen pro und contra Baumann – Lage fast hoffnungslos

23.11.99 (fc) Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Dieter Baumann vom DLV wegen Dopings suspendiert. Keiner wollte es so recht glauben, bis, ja bis der Angeklagte selbst eiligst in Stuttgart eine Pressekonferenz einberief und das Thema aus seiner Sicht selbst an die Öffentlichkeit brachte. Baumann suchte sein Heil in der Offensive. Er hatte keine andere Wahl, immerhin hatte er sich jahrelang für sauberen Sport eingesetzt und stark gemacht. Er hatte sich auch immer hinter das Kontrollsystem gestellt und betont, dass nicht entscheidend ist, wie der unerlaubte Stoff in den Körper eines Athleten gelangte, sondern nur, dass er festgestellt wurde. Plötzlich findet sich der Mittel- und Langstreckenläufer auf der anderen Seite der Anklagebank wider, exakt in einer solchen Situation. 

Baumann beteuert auf seiner Pressekonferenz seine Unschuld: „Ich habe zu keiner Zeit Dopingmittel genommen.“ Er sucht verzweifelt nach Antworten, kann aber keine schlüssigen Beweise für seine Unschuld liefern.
Bei Trainingskontrollen im Oktober und November waren unnatürlich hohe Werte des Anabolikums Nandrolon festgestellt worden. Bereits im August wurde der DLV auf Baumann aufmerksam, allerdings lag er damals noch im erlaubten Rahmen von 2,0 Nanogramm pro Milliliter. Bei den kürzlichen Tests war der Nandrolon-Anteil im Urin auf das Zehnfache des erlaubten Grenzwerts explodiert. Normalerweise liegt die Spanne bei 0,2 bis 0,6 Nanogramm. Der DLV mußte handeln. Vize-Präsident Clemes Prokop informierte im Namen des Verbands Baumann über den Befund und bat ihn zu einer Anhörung am 17. November nach Darmstadt. Dort sagte Baumann aus, dass er unschuldig sei. Daraufhin wurde die Wohnung von Baumann auf der Suche nach „verschmutzten Lebensmitteln“ gründlich durchsucht. Aber der Hoffnungsschimmer zerplatzte wie eine Seifenblase. Nichts! Logische Konsequenz: der DLV mußte nach seinen Richtlinien Baumann umgehend von Wettkampfbetrieb suspendieren. Jurist Prokop („Das ist der Super-Gau“) hält eine zweijährige Sperre für wahrscheinlich. Damit droht Baumann das Ende seiner großartigen Laufbahn. 

Baumann offensiv, aber ratlos Der Athlet suchte sein Heil weiter in der Offensive: „Ich bin durch viele Wettkämpfe gegangen. Ich glaube, das wird mein schwerster und auch wichtigster.“ Bei seinem Auftritt im „Aktuellen Sport-Studio“ des ZDF wirkte er müde, erschöpft. Der Schock stand ihm noch ins Gesicht geschrieben. Er klammert sich nun an Strohhalme. Er war nicht der einzige, bei dem in diesem Jahr ein unerlaubter Wert von Nandrolon festgestellt wurde. Auch Linford Christie, Merlene Ottey und Vita Pavlysh hatte es erwischt. Aber wie paßt ein Baumann in diese Liste? Ist es möglich, dass der Wert unter gewisser Trainingsbelastung derart in die Höhe schnellt?  Die Leichtathletik-Szene teilt sich mehr und mehr in zwei Lager. Die einen wollen Baumann bei der Suche nach entlastenden Beweisen helfen. Von Sportgetränken und -riegeln aus den USA, in denen Nandrolon enthalten ist, wird gesprochen. Dopingexperte Franke, der inzwischen die Verteidigerrolle von Baumann übernimmt, fordert eine Studie, möchte Baumann unter Trainingsbedingungen in Quarantäne stecken. Auch der DLV, angeführt von ihrem Präsidenten Prof. Dr. Digel, der im ersten Schock an einen Rücktritt dachte, stärkt Baumann (noch) den Rücken. Digels Stellvertreter Prokop stellte nach Bekanntwerden des Vergehens trotz seiner freundschaftlichen Beziehung zu dem Tübinger fest: „Ich lege für keinen die Hand ins Feuer.“

Zieht sich die Schlinge zu?

Klaus Müller und Wilhelm Schänzer, Leiter der Kontrolllabors in Kreischa und Köln, verteidigten die von ihnen festgestellten Nandrolon-Werte. Die einzig logische Erklärung wäre eine Zufuhr von außen. Alle Daten, die der Wissenschaft zur Verfügung stünden, würden dies bestätigen. Der Schwede Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des Weltverbands, sprach von einem „klaren Fall“ und meinte, Baumann, der von einem „Irrtum der Wissenschaft“ ausgeht,  könne sich die Langzeitstudie sparen. Massiv zu Wort meldete sich auch Jürgen Tiedtke, Vater von Weitspringerin Susen Tiedtke, die selbst 1995 für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt worden war. Er prangerte vor allem Digels Hilfestellung im Fall Baumann als „Verlogenheit und Doppelmoral“ an.

Der DLV will zur weiteren Aufklärung der Dopingaffäre in den nächsten Tagen auch mit Baumanns Gattin und Trainerin Isabelle sprechen. Die Bundestrainerin hatte sich bislang noch nicht zu den Dopinganschuldigungen offiziell geäußert.

Dieter Baumann im Portrait:

geboren am 9. Februar 1965 in Blaustein

Erfolge: 2. Platz Hallen-EM 1987 3000m Silber Olympia 1988 5000m Hallen-Europameister 1989 3000m 3. Platz Hallen-WM 1989 3000m Olympiasieger 1992 5000m Europameister 1994 5000m

Silber EM 1998 10000m

Dieter Baumann legte die letzten 200 Meter auf dem Weg zu seinem Olympiasieg in Barcelona in einem unvergessenen Finish in 25.0 Sekunden zurück. Bis 1994 blieb er auf den 5000 Metern unbesiegt. 1997 war er der erste Europäer, der die 5000 Meter unter dreizehn  Minuten lief und brach damit zugleich den 15 Jahre alten Europarekord des Briten David Moorcroft. Nach seinem 2. EM-Platz von Budapest 1998 verzichtete er im Jahr darauf auf die Weltmeisterschaft in Sevilla, um sich ganz auf die Jahrtausendspiele in Sydney konzentrieren zu können.

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