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Der Dopingfall Baumann

Der Doping-Krimi

Dieter Baumann läuft die Zeit davon – Situation immer verworrener

17.12.99 (fc) Sonntagabend, 20:15 Uhr, Krimizeit im TV- Programm. Tatort: ein Badezimmer, ein Läufer putzt sich die Zähne, kurz darauf wird er des Dopings verdächtigt und suspendiert. Irgendwann entlarvt ein Dopingfahnder die Zahnpasta als Quelle des Nandrolon. Verdächtige: keine wirklichen, der Läufer selbst gerät immer mehr ins Zwielicht. Die Geschichte wird verworrener, der Zuschauer vor dem Bildschirm kann nur spekulieren über den Täter. So oder ähnlich könnte die Verfilmung des Stoffs, den Dieter Baumann derzeit unfreiwillig für einen möglichen Fernsehkrimi liefert, aussehen.

Anfang Dezember wurde der Dopingfall Baumann zum Kriminalstück. Wilhelm Schänzer, Dopinganalytiker, hatte die Suche nach der Quelle der verbotenen Substanz Nandrolon übernommen und war auf eine manipulierte Zahncreme gestoßen. Baumann unschuldig? Ist das die Auflösung des Dopingskandals, welcher der deutschen Sportszene Rätsel aufgibt? Weit gefehlt. Die Staatsanwaltschaft Tübingen, bei der Baumann Anzeige erstattete, konnte bislang keine Ermittlungsergebnisse präsentieren. Auch die Tube selbst war für die Beamten wenig hilfreich. Dieter Baumann hat inzwischen das Training eingestellt, die Olympischen Spiele in Sydney sind für ihn in weite Ferne gerückt. Er scheint sich nach wie vor auf der fast schon aussichtslosen Suche nach seiner Unschuld zu befinden. Die Zahnpasta konnte den Läufer auf alle Fälle nicht wie erhofft entlasten und sorgt stattdessen nunmehr für zunehmende Skepsis.

Schwer belastet wurde Baumann auch von einem französischen Trainingskollegen, der behauptete, Baumann hätte 1994 und 95 im Trainingslager eine Zentrifuge mitgeführt. Dies bewerten Experten als indirekten Dopingbeweis, da damit der Athlet selbst Tests durchführen kann. Ins Fadenkreuz der Kritik geriet auch Dopingfahnder Schänzer. Er hatte die Ermittlungen im Hause Baumann auf eigene Faust durchgeführt und musste dafür nicht wenig Schelte einstecken. So betonte der DLV, dass Schänzer dies im Alleingang und ohne Auftrag des Verbands unternommen hätte.

Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass alles auf eine Wettkampfsperre Baumanns hinauslaufen könnte, nachdem unklar ist, ob tatsächlich eine Manipulation von dritter Seite vorliegt. Nach den geltenden Statuten ist nur entscheidend, dass ein Sportler positiv getestet wurde. Das „Wie kam die Substanz in den Körper?“ ist sekundär. Eine Vorgehensweise, die Baumann selbst pikanterweise in den letzten Jahren lautstark unterstützte. Jedoch ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen und bislang kein Schuldspruch erfolgt. Clemens Prokop, DLV-Vize und Justitiar, sagte: „Es ist sehr schwierig, es gibt noch keinen derartigen Fall. Baumann tut mir sehr leid.“ 
Und offen ist die Frage: wie kam das Nandrolon in die Tube? Wird es jemals eine Antwort darauf geben? Es sieht nicht danach aus.

Dieter Baumann im Portrait:

geboren am 9. Februar 1965 in Blaustein

Erfolge: 2. Platz Hallen-EM 1987 3000m Silber Olympia 1988 5000m Hallen-Europameister 1989 3000m 3. Platz Hallen-WM 1989 3000m Olympiasieger 1992 5000m Europameister 1994 5000m

Silber EM 1998 10000m

Dieter Baumann legte die letzten 200 Meter auf dem Weg zu seinem Olympiasieg in Barcelona in einem unvergessenen Finish in 25.0 Sekunden zurück. Bis 1994 blieb er auf den 5000 Metern unbesiegt. 1997 war er der erste Europäer, der die 5000 Meter unter dreizehn  Minuten lief und brach damit zugleich den 15 Jahre alten Europarekord des Briten David Moorcroft. Nach seinem 2. EM-Platz von Budapest 1998 verzichtete er im Jahr darauf auf die Weltmeisterschaft in Sevilla, um sich ganz auf die Jahrtausendspiele in Sydney konzentrieren zu können.

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