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Larissa Kleinmann

Der „VfL-Krieg“ von Waiblingen

22jährige nach unüberwindlichen Differenzen auf Vereinssuche


08.02.01 (fc) Larissa Kleinmann ist frustriert. Frustriert über das deutsche System, frustriert über ihren Verein, den VfL Waiblingen. Am 3. Februar hatte sie der Abteilungsleiter Gerhard Bischoff, erst seit Dezember im Amt, darüber informiert, dass sie keine Aufwandsentschädigung von Vereinsseite mehr zu erwarten hat. Prämien würden wie bisher bezahlt, allerdings mit der Maßgabe, dass ihr bei einem Wechsel eine mögliche Differenz zur dem Verein zustehenden Ausbildungsentschädigung abgezogen würde.

„Ich habe seit 1997 keinen Trainer mehr vom VfL Waiblingen“, hat Kleinmann kein Verständnis für das Pochen auf eine volle  Ausbildungsentschädigung. Nachdem sich diese nach den Leistungen des laufenden Jahres richtet, ist die Motivation der Athletin, noch für den Verein auf Titeljagd zu gehen, verschwindend gering und sie selbst bereit, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. „Ich habe nicht vor, noch einen einzigen Lauf für den VfL zu bestreiten“, stellt sie klar und peilt einen Vereinswechsel noch in diesem Jahr an. Eine zu erwartende Sperre hält sie nicht davon ab. Bereits nach der vergangenen Saison wollte sie ihre Zelte in Waiblingen abbrechen und sich dem SCC Berlin anschließen. Nach den Wirren um Stephane Franke (wir berichteten) musste der potentielle Club von der Verpflichtung Kleinmanns wieder Abstand nehmen und diese blieb als Vorzeigeläuferin dem VfL Waiblingen erhalten.

Dort hielt sich die Begeisterung, zumindest in der Führungsetage, in Grenzen. Vielmehr monierte man fehlendes Engagement für den Verein. Nachdem Larissa Kleinmann in den USA studiert und nur kurze Zeit im Sommer in Deutschland verbringt, lässt die beiderseitige Kommunikation schon seit längerem zu wünschen übrig. Für die Athletin selbst kam es 1999 zu einem Schlüsselerlebnis. Damals hatte ihr der Verein bei einem Wettkampf in Calw einen Tempomacher versprochen und sie erst vor Ort erfahren, dass dieser für einen Vereinsfremden die Pace machen würde. Die Gründe für die Differenzen sind also nicht nur in den Wechselabsichten, für die Kleinmann auch die unbefriedigenden Rahmenbedingungen anführt, zu suchen, sondern liegen bereits länger zurück. Das bestreitet auch Gerhard Bischoff nicht, hat aber als Neuling in seinem Amt ein Problem: „Ich kann nur Dinge über Dritte erzählen.“ Von Vereinsseite wirft man der Athletin eine „ganze Reihe von Dingen“ vor, ohne diese in der Mitteilung von Anfang Februar konkret zu nennen oder das direkte Gespräch mit ihr zu suchen. Gegenüber der Presse wolle man diese Punkte nicht preisgeben, so Gerhard Bischoff, der aber moniert, dass Kleinmann seit zwei Jahren nicht mehr in Waiblingen beim Training gewesen sei. „Ich kann natürlich verstehen, dass der Verein nicht glücklich darüber war, dass ich so gut wie nie in Waiblingen trainiert habe“, sagt die Betroffene dazu und fordert vom Verein allerdings Verständnis dafür, da sie in den wenigen Wochen, die sie in Deutschland verbringt, mangels Auto und Führerschein sehr unmobil sei.

„Selbst ein Dieter Baumann hat während seiner Zeit beim VfL Waiblingen nicht so viele Titel gewonnen“, führt die talentierte Läuferin an und bekräftigt, dass sie trotz des geplatzten Wechsels in die Bundeshauptstadt eine Basis für eine weitere Zusammenarbeit sah: „Hätte der VfL einen Abteilungsleiter mit Taktgefühl, Kompetenz und Fairness gewählt, dann hätten sich die Differenzen auch wieder beheben lassen.“ Inzwischen sind allerdings die Fronten in einer Form verhärtet, die von Seiten der Athletin weitere Starts für den VfL Waiblingen ausschließen. „Interessierte Vereine können sich gerne bei mir melden“, bringt sich Larissa Kleinmann, die ihre Zukunft auf den 3000 Meter Hindernis sieht und in Fayetteville bereits hart dafür trainiert, selbst auf den Markt. Auch Gerhard Bischoff scheint derzeit aufgrund der heftigen Kritik aus dem Hause Kleinmann nicht bereit zu sein, noch einmal einen Vermittlungsversuch zu unternehmen und zeigt sich seinerseits über einen offenen Brief von Dr. Dieter Kleinmann verbittert: „Da stehen Dinge drin, die mit Fairness nichts zu tun haben.“ Der „VfL-Krieg“, wie ihn Larissa Kleinmann aus dem fernen Übersee bezeichnet, hat inzwischen sehr persönliche Formen angenommen.

Was man im „Fall Kleinmann“ vermisst, ist konstruktive und vernünftige Kommunikation zwischen den beiden Parteien. Wenn überhaupt, fand diese nicht direkt, sondern wie Ende Dezember nur über Vater Dr. Dieter Kleinmann statt. Die Studentin hatte während der letzten drei Jahre sportlichen Kontakt zum Verein, um ihre Starts in Deutschland sicherzustellen, seit Beginn ihres US-Aufenthalts allerdings keine Gespräche mehr mit der Spitze. Das Interesse des Vereins an der Athletin rangiert inzwischen auf dem Nullpunkt: „Etwas, das ich nicht habe, kann man nicht verlieren“, sagte Gerhard Bischoff, den Kleinmann nur als Lehrer ihres früheren Gymnasiums kennt, der „Waiblinger Kreiszeitung“, die sich ausführlich mit der Thematik beschäftigte, zum Stellenwert des Abgangs der 22jährigen.

Als einziger hatte sich der frühere Trainer Adolf Berger für seinen Schützling eingesetzt und gegen die finanziellen Streichungen gestimmt. Er vermisst im Leichtathletik-Ausschuss den Rückblick auf die früheren Jahre. Als B-Schülerin begab Dr. Dieter Kleinmann seine Tochter in die Hände von Berger, der noch heute mit ihren Trainingswerten arbeitet. „Sie zählt für mich immer noch als Vorbild“, sagt er und akzeptiert auch ihre Kanten, mit denen man an anderer Stelle nicht zurecht kommt: „Wenn sie nicht so wäre, wäre sie nicht so weit oben.“ Adolf Berger genießt beim VfL Waiblingen im sportlichen Bereich Souveränität und versichert, dass ihr im laufenden Jahr keine Steine in den Weg gelegt werden und sie bei ihrer Wettkampfplanung unterstützt wird. „Zwischen Trainer und Athletin gab es nie Schwierigkeiten“, erinnert er sich und hat auch eine Botschaft an die Verbände und Funktionäre parat: „Wenn sie weiterhin Erfolg hat, wird man um sie nicht herumkommen.“ Und gerade ihre sportlichen Möglichkeiten hat Larissa Kleinmann bereits in diesem Jahr mit einer neuen Hallen-Bestleistung in ihrer Wahlheimat unter Beweis gestellt. Aktuell führt sie sogar die Hallen-Weltbestenliste über 5000 Meter an. „Was haben wir davon?“, scheint sich Gerhard Bischoff nicht mehr für die sportliche Entwicklung seiner Noch-Läuferin zu interessieren.

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