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Saison 2001

Lissabon-Sieg war erster Balsam

Hicham El Guerrouj versucht, Olympiaenttäuschung zu vergessen


13.04.01 (fc) Die Olympischen Spiele haben bei Hicham El Guerrouj ihre Spuren hinterlassen. 1996 beendete er das 1500-Meter-Finale nach einem Sturz als Letzter. Vier Jahre später war er in Sydney der haushohe Favorit und musste sich dem Kenianer Noah Ngeny geschlagen geben. In der diesjährigen Hallensaison meldete er sich mit dem Titelgewinn über 3000 Meter wieder zurück und meinte danach zufrieden: „Es ging darum, es der Welt zu zeigen.“

In 7:37,74 Minuten ließ er bei der Hallen-WM in Lissabon keinen Zweifel daran, wer Herr im Hause ist und schleppte den Belgier Mohammed Mourhit als Zweiten zu einem neuen Landesrekord. 

Das alles war aber nur ein erster Balsam auf die Olympia-Wunden des Marokkaners. Vor dem Finale in Sydney lief er über 1500 Meter von Sieg zu Sieg, auch die Weltmeisterschaften 1997 und 1999 hatte er für sich entschieden. Hicham El Guerrouj war der sicherste Trumpf der nordafrikanischen Nation in „Down Under“. Den Drohungen eines Noah Ngeny wollte dort niemand so recht Glauben schenken. Doch es kam so, wie es der Kenianer prognostiziert hatte. Er zeigte, aus welchem Holz er geschnitzt ist und brachte dem Dominator dieser Mittelstrecke zum Saisonhöhepunkt eine Niederlage bei. Die Kontrahenten auf den weiteren Plätzen versuchten noch auf der Bahn, den geschlagenen Zweitplatzierten zu trösten.

Es war eine Niederlage, die Hicham El Guerrouj nicht nur schmerzte, sondern auch demütigte. So sehr, dass er danach über ein Monat in New York fern der Heimat verbrachte, um wieder Abstand von dieser Enttäuschung zu gewinnen. Manche warfen die Frage auf, ob er sich wieder davon erholen kann. Dass er das geschafft hat, bewies der Ausnahmeläufer im März in Lissabon. Auch sein Ziel, möglichst bald die Olympischen Spiele wieder durch entsprechende Erfolge abzuhaken, hat er damit zumindest nach außen hin erreicht.

Hicham El Guerrouj macht den Druck in seiner Heimat und in seinem Umfeld, der auf ihm lastete, für das Abschneiden in Sydney verantwortlich. „Es gibt immer noch keinen Tag, an dem ich nicht daran denke“, gesteht er. Die Wunden sind noch nicht verheilt und der zweite Platz schmerzte umso mehr, da er auch vier Jahre zuvor als Verlierer von der Bahn ging. Nach seinem Sturz in Atlanta hatte ihm nur Minuten später König Hassan II mit einem Anruf wieder neue Motivation gegeben. El Guerrouj war damals noch ein junger Spund und stand am Anfang seiner erfolgreichen Karriere. Ein Foto seines Missgeschicks hatte ihn in den vier Jahren zwischen den beiden Spielen stets vor dem harten Training in Rabat motiviert und zu mehreren Weltrekorden und Titeln getrieben. Jetzt ist es von seinem Platz verschwunden, denn ein anderes Bild hat sich im Herzen des Weltmeisters eingebrannt.

Das Happy-End in Sydney blieb aus. Der Blick richtet sich nun wieder in die Zukunft. Hicham El Guerrouj will auch im August bei der Weltmeisterschaft in Edmonton wieder groß auftrumpfen, erwägt sogar einen Doppelstart über 1500 und 5000 Meter. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine Änderung des Zeitplans. Der Wechsel auf die längere Strecke spukt bereits im Hinterkopf herum und auch der Wunsch, bei den nächsten Olympischen Spielen 2004 in Athen dann dort groß aufzutrumpfen und auf dem Podest ganz oben zu stehen, um die unglücklichen Auftritte von Atlanta und Sydney endgültig in die Ecke zu stellen. „In Athen werde ich mich auf die 5000 Meter konzentrieren“, gibt sich Hicham El Guerrouj schon heute ziemlich sicher.

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