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Skandinavienlauf

3000 Kilometer durch Nordeuropa

Christian Sörensen berichtet nach seinem Abenteuer über die Erlebnisse

Dänemark (ca. 420 Kilometer)

Bei Flensburg/Padborg bin ich dann über die Grenze und auf einer der zehn nationalen dänischen Fahrradrouten, die sehr gut ausgeschildert sind (endlich konnte ich die lästige Landkarte im Rucksack verstauen…), durfte ich weiter gen Norden ziehen. Der Hærvejen (Heerweg) ist eine uralte Handelsroute, durch teilweise sehr schöne Landschaft und er ist natürlich flach. Nimmt man diese Komponenten zusammen und paart sie mit dem weiterhin herrlichen Wetter, so lässt sich vielleicht erklären, weshalb ich meinem Zeitplan gegenläufig nicht weniger sondern nun deutlich mehr Kilometer am Tag zurücklegte. Das wiederum brachte mir, auch unter Einfluss des groben Schotterbodens (etwa zwanzig Prozent der Strecke), erste böse Probleme mit Blasen an den Fersen ein. Weil ich aber weiterhin meinem Etappenplan deutlich voraus war, konnte ich den versprochenen Besuchstermin bei Newline leider nicht einhalten, da des sonntags natürlich niemand zu erreichen ist. Apropos Erreichen: ich hatte, weil zu teuer, kein Handy mit, was mir später in Norwegen etliche Tage ohne Kontakt nach Hause einbringen sollte, weil es da ja mitunter 200 Kilometer weit und breit keine Telefonzelle gibt.

Kurzer Besuch in Schweden (ca. 160 Kilometer)

Übergesetzt bin ich von Fredrikshavn nach Göteborg per Expressfähre: zwei Stunden Zeit mal was anderes tun, als seinem Schatten zuzusehen, wie er von links nach rechts wandert – tut er das nicht, hat man sich entweder verlaufen oder die Sonne scheint gerade einmal nicht. Und das sollte ab jetzt häufiger vorkommen – die Temperaturen gingen ganz deutlich zurück und die langen Klamotten kamen zum Vorschein. Die Zeit auf der Fähre habe ich dann genutzt, um mir über meine finanzielle Situation einen Überblick zu verschaffen, denn als ich nach Dänemark kam und meinen Rucksack nach meinen dänischen Kronen mehr als nur einmal durchforstet hatte, um dann letztlich doch zu dem Schluss zu kommen, dass selbige inklusiver meiner schwedischen Kronen abhanden gekommen waren, hatte sich meine Situation doch grundlegend verändert. Ich wusste, dass Skandinavien im allgemeinen sehr teuer ist, wie extrem es aber in Norwegen zugehen sollte, bekam ich dann einige Tage später noch raus. Dass ich mich einschränken müsste, war aber jetzt schon klar (glücklicherweise hatte ich aber wenigstens schon meine Rückflugtickets dabei). Andererseits war es mir aber von nun an erlaubt, dem Jedermannsrecht folgend in freier Wildnis mein Zelt aufzubauen. Von Schweden selbst habe ich dann aber nicht sonderlich viel zu Gesicht bekommen. Nach zwei Tagen war ich bereits in Norwegen.

Norwegen extrem (ca. 1800 Kilometer)

Insgesamt bin ich ja durch vier Länder gelaufen bzw. gewandert, aber in Erinnerung bleibt mir wohl am ehesten die fürchterliche Süd-Nord-Durchquerung Norwegens. Wieso fürchterlich? Dafür gab es eine ganze Menge Gründe. Ich möchte mal zusehen, dass ich sie schnell aufgelistet bekomme (um jeden Punkt mit einem langen Text zu versehen, fehlt mir der Platz und vor allem der zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wieder ausreichend vorhandene Sinn für Selbstironie): 

1) die Preise: meine Rechnung ergab, dass ich täglich mit rund 60 norwegischen Kronen (ca. 15 DM) auszukommen hätte; ein Liter Milch kostet aber schon 10 bis 14 Kronen – später hat mir mal jemand versichert, den gleichen norwegischen Lachs in Schweden zum halben Preis bekommen zu haben, den er in Norwegen zu zahlen hätte. An Lachs war sowieso nicht zu denken: ich lebte letztlich die verbleibenden drei Wochen meiner Tour von Brot, Wasser und einigen Äpfeln. Wasser bringt uns zu Problem…

2) Ich habe mich darauf verlassen, dass das Wasser, das man so in den unzähligen Flüssen und Bächen, die von den Bergen in die Fjorde laufen grundsätzlich genießbar sei, was auch fast immer der Wahrheit entsprach – einmal tat es das aber nicht: da bin ich dann in der Folgenacht jede Stunde raus in den Regen und habe mich auf unangenehme Weise zuerst von Brot und Wasser und dann in den frühen Morgenstunden auch von Gallenabsonderungen getrennt. Dass es in besagter Nacht geregnet hat, war übrigens kein Zufall…

3) Regen: Achim Heukemes hatte ja während seines Europalaufs ganz ähnliche Schwierigkeiten in Norwegen gehabt, nur er hatte nicht das Vergnügen, in einem Zelt schlafen zu dürfen. Ich hatte ein Zweimannzelt dabei, um ein wenig Stauraum für meine Klamotten zu haben – brauchte dementsprechend aber auch länger, um selbiges aufzubauen; wenn es dann aber währenddessen regnet (und das tat es – ohne übertreiben zu wollen – drei Wochen lang bis zu 20 Stunden pro Tag), dann ist das nicht so besonders angenehm; sprich: Ich habe etwa 15 Nächte mit klitschnassen Klamotten, in einem völlig durchnässten Schlafsack, auf einer triefenden Isomatte, in einem sowohl außen als auch innen durchnässten Zelt bei etwa acht Grad zugebracht; von Schlafen kann dabei nicht die Rede sein; und weil ich ohnehin im Schnitt nur auf rund 3,5 Stunden Schlaf pro Nacht kam und ich gleichzeitig nur noch den einen Wunsch, dass doch möglichst schnell alles vorbei sein würde, verspürte, so habe ich dann auch in insgesamt drei Nächten darauf verzichtet, mein Zelt erneut auf- bzw. dann später wieder abzubauen, und bin folgerichtigerweise dann die Nacht (Nächte gab es ja eigentlich gar nicht: 24-Stunden-Einheitswetter eben) auf der Strasse geblieben, um Kilometer zu fressen. Die Strasse ist Problem…

4) Wo immer ich konnte, habe ich die E6 verlassen, habe schließlich aber doch mehr als ein Drittel meiner Tour auf ihr zugebracht. Ich sage deshalb „auf“ ihr, weil es so etwas wie einen Randstreifen, den man hätte benutzen können, eigentlich nicht gab. Die Strasse ist schmal und wird natürlich sehr viel von Trucks und Wohnmobilen genutzt. Wenn die mit 90 Sachen an einem vorbeikommen, dabei Dreck und Wasser aufwirbeln, dann ist die Freude des ulkigen Wandersmanns an der Seite garantiert. Ja, je weiter es gen Norden ging, desto mehr Kilometer habe ich wandernd zurückgelegt; insgesamt bin ich wohl ungefähr die Hälfte gelaufen bzw. gegangen. Auch deshalb, weil es Abschnitte gab, wo ein Laufen bei weitem zu gefährlich gewesen ist…

5) Tunnel: Bah, bah, bah und wieder bah: niemals werde ich wieder einen Fuß in einen dieser Tunnel auf der Europastrasse Nr. 6 setzen. (ich bin mir im übrigen ziemlich sicher, dass ich der Erste war, der das seit dem Juli letzten Jahres getan hat). Die Tunnel sind teilweise etliche Kilometer lang, eiskalte Winde gehen dort, die Strassen sind häufig sehr schmal, nicht ausreichend beleuchtet, es ist höllisch laut und das, was dir an der Seite als Weg bleibt, ist völlig unebener nasser Sandboden. Von einer kleinen Begebenheit sei hier noch kurz berichtet: weil der Weg halt so grausam war, hatte ich meinen Blick natürlich auch nur zu Boden gerichtet, übersah eine Eisenstange die dort in die Seitenwand gekloppt worden war, haute mir diese an die Stirn, zuckte nach rechts, verlor meine Balance, konnte mein daraus resultierendes Übergewicht bedingt durch Rucksack und Bodennässe nicht halten und fand mich sehr schnell auf der Strasse liegend wieder – wäre in diesem Moment ein Auto aus meiner Gegenrichtung gekommen, so hätte ich sicherlich das Licht am Ende des Tunnels zu sehen bekommen, aber es wäre wohl kaum der selbe Tunnel geblieben. Wieder draußen im Regen warteten dann etliche Steigungen und Gefälle auf mich – der höchste Punkt der E6 liegt zwar bei nur 422 Metern NN (was man in Anbetracht von Schnee zu seinen Füssen – im Juni – und Wolken, die man durchläuft – das war kein Nebel… – nicht so recht zu glauben bereit ist), aber es ist ein ewiges bergauf und bergab, weil man immer wieder auf Fjordhöhe (also ungefähre Meereshöhe) zurückkommt. Steigungen werden vor allem dann zum Problem, wenn man Zusatzlast dabei hat…

6) mein Rucksack: mit Rucksack sollte man nicht laufen. Tut man das – aus welchem Grund auch immer – dann doch, so hat man mit folgenden Schmerzen zu rechnen: geschwollene Schultern, einem Nacken der sich rein gar nicht mehr zur Seite bewegen lässt, und einem Rücken, der noch Wochen später darauf aufmerksam macht, dass er noch da ist. Ansonsten agiert der Rucksack als Verstärker für sämtliche anderen Schwierigkeiten: dicke Knie oder Blasen rund um die Füße (davon hatte ich am Ende so ungefähr ein Dutzend noch nicht verheilte pro Fuß). Das bringt uns zu…

7) Schuhe: die waren nicht nur nass, die mussten auch sauber gehalten werden – ich war mit zwei Paar Schuhen gestartet, die ich so lange im Wechsel getragen habe, bis dass ich aus Frust, weil ein Paar böse Scheuerstellen hervorgerufen hatte, selbiges nach Hause geschickt habe. Da war dann natürlich auch nichts mehr mit Reinigung; und für das Waschen der Kleidung muss auch jedes Mal ein Campingplatz herhalten und das geht da oben sehr ins Geld. Überhaupt war nicht besonders viel mit Einkaufen: wenn man dann mal ein Geschäft vor die Nase bekam und dieses dann zum eigenen Erstaunen auch noch geöffnet hatte, dann habe ich immer Grosseinkäufe getätigt, was wieder mehr Gewicht einbrachte.

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