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DLV-Mehrkampf-Meeting in Ratingen

Astrid Retzke besiegt Sabine Braun

Stefan Schmid der Dominator im Zehnkampf – Gutjahr im Pech

23.07.00 (fc/dg) In der fünften Disziplin, dem Weitsprung, fiel die Vorentscheidung im Siebenkampf. Kathleen Gutjahr, die am zweiten Tag noch mal attackieren wollte, verabschiedete sich mit drei ungültigen Versuchen aus dem Kreis der Olympiaaspirantinnen, während sich Sabine Braun, Karin Ertl und Astrid Retzke keine Blöße gaben und sich danach darauf konzentrieren konnten, den zweiten Tag gut über die Runden zu bringen. Das ließ sich die 27jährige Hallenserin nicht zweimal sagen. Am Ende besiegte Retzke mit 6379 Punkten die routinierte Sabine Braun (6332), die zum fünften Mal zu den Olympischen Spielen fährt. Der Zehnkampf gehörte dem 30jährigen Franken Stefan Schmid, der mit 8485 Punkten eine neue persönliche Bestleistung aufstellte. Die ursprünglich als härteste Konkurrenten gehandelten Mike Maczey und Klaus Isekenmeier offenbarten an den zwei Tagen Schwächen und kamen mit Ach und Krach über die 8000-Punkte-Marke, was für Maczey jedoch sekundär war, nachdem er bereits in Götzis die Olympianorm abgeliefert hatte. Dem Leverkusener Philipp Ibe glitt beim abschließenden 1500-Meter-Lauf der zweite Platz durch die Finger (7974). Nach dem Wochenende in Ratingen steht fest: die deutschen Mehrkämpfer in Sydney sind aller Voraussicht nach Frank Busemann, Stefan Schmid, Mike Maczey, Astrid Retzke, Sabine Braun und Karin Ertl.

Für Kathleen Gutjahr war es die wohl bitterste Stunde in ihrer Karriere. Mit drei weiteren deutschen Siebenkämpferinnen stritt sie sich um die drei Olympia-Startplätze. Nach dem ersten Tag mit dem 4. Rang unter den Deutschen wollte sie angreifen. Zwei ungültige Versuche im Weitsprung brachten sie vor dem dritten Sprung unter zusätzlichen Druck. Trotzdem blieb ihr nichts anderes übrig, als alles zu riskieren. Als sie in der Grube landete, ahnte es die Neubrandenburgerin bereits. Ein Blick über die Schulter – der Kampfrichter hob die rote Fahne. Der Traum von Olympia platzte wie eine Seifenblase! Kathleen Gutjahr ließ ihrer Enttäuschung und ihren Tränen freien Lauf. Ihre Trainingskollegin Sonja Kesselschläger, ansonsten als Stimmungsmacherin für die Animation der begeisterten Zuschauer verantwortlich, war natürlich sofort zur Stelle und nahm sie tröstend in die Arme.

In den Mittelpunkt schob sich zu Beginn des zweiten Tages weiter die Hallenserin Astrid Retzke. Neue persönliche Bestleistung im Weitsprung im ersten Versuch mit 6,35 Metern! Grenzenloser Jubel und Grund genug, auf die zwei weiteren Sprünge zu verzichten. Nur Sabine Braun (6,40 m) und Karin Ertl (6,38 m) übertrafen diese Weite noch. Damit hatte sich das Siebenkampf-Trio nach dem Aus von Kathleen Gutjahr praktisch formiert und konnte sich darauf konzentrieren, das Speerwerfen und den 800-Meter-Lauf über die Bühne zu bekommen. Keck zu Werke ging auch weiterhin Annika Meyer, die mit 6,20 Metern ebenfalls neue Bestleistung sprang und gemeinsam mit Sonja Kesselschläger die 6000 Punkte im Auge hatte.

Bei den Männern lag auch bei den zweiten fünf Disziplinen eine spürbare Anspannung in der Luft, selbst wenn Bundestrainer Claus Marek nach dem Hürdensprint festzustellen glaubte: „Die Athleten haben die Nervosität in der Nacht abgelegt.“ Stefan Schmid, der mit seinen 30 Jahren beweisen wollte, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört, lief mit 14,20 Sekunden über 110 Meter Hürden eine neue Bestleistung. Philipp Ibe machte da weiter, wo er am Vortag aufgehört hatte und konnte nach dem Diskuswerfen noch auf Rang zwei spekulieren. Hingegen enttäuschte sein Vereinskollege Klaus Isekenmeier in den Disziplinen sechs und sieben und konnte sein Olympiaticket fast schon abschreiben. Auch Mike Maczey hinkte weiterhin dem Ergebnis von Götzis hinterher.

Kathleen Gutjahr konnte auch das Pech zum Auftakt des Sonntags nicht davon abhalten, ihren Wettkampf fortzusetzen. Mit 47,82 Metern warf sie den Speer an ihre Bestleistung heran und bot hinter der starken Astrid Retzke (49,17 m) und Sabine Braun (49,16 m) die drittbeste Weite an. Auch Peggy Beer präsentierte sich weiter in beständiger Form (46,95 m). Hallen-Europameisterin Karin Ertl steigerte sich im letzten Versuch noch auf 43,08 Meter, wodurch sie in der Gesamtwertung auf den dritten Rang zurückrutschte. Es kündigte sich vor dem abschließenden 800-Meter-Lauf fast schon an. Astrid Retzke hatte es in der Hand, den Siebenkampf zu gewinnen. Im selben Stil, wie sie die vorangegangenen sechs Bewerbe bestritten hatte, lief sie auf den zwei Stadionrunden in 2:16,28 Minuten zum Gesamtsieg. Sabine Braun brachte in 2:20,49 Minuten ihre fünfte Olympiateilnahe unter Dach und Fach. Das dritte Ticket nach Sydney ging an Karin Ertl, die mit insgesamt 6276 Punkten den dritten Rang belegte. Ein besonderes Lob verdiente sich die Neubrandenburgerin Kathleen Gutjahr, die unbeirrt von ihrem Lapsus beim Weitsprung mit 2:13,89 Minuten die schnellste 800-Meter-Zeil ablieferte. Ihre Vereinskameradin Sonja Kesselschläger verfehlte die angestrebten 6000 Punkte als fünftbeste Deutsche hinter Peggy Beer (6153) nur knapp (5995).

Der Regensburger Florian Schönbeck, ein bekannt starker Stabhochspringer, meisterte 5,16 Meter. Zehn Zentimeter weniger überquerten Jörg Goedicke, Stefan Drews und der führende Stefan Schmid. Mike Maczey blieb deutlich unter seinen Möglichkeiten (4,86 m) und konnte seinem verkorksten Wettkampf keine Wende mehr geben. Isekenmeier, Ibe und Mewes sprangen jeweils über 4,66 Meter. Das Speerwerfen gehörte dem Franken Stefan Schmid, der seinen Vorsprung an der Spitze mit einer Weite von 67,63 Metern deutlich ausbaute und mit Nachdruck zeigte, warum er zu den Olympischen Spielen nach Sydney fahren wird. Philipp Ibe kämpfte tapfer um den zweiten Platz von Ratingen (61,88 m). Dahinter landeten Mike Maczey (61,23 m), David Mewes (59,80 m) und Klaus Isekenmeier (59,34 m). Damit war hinsichtlich der Olympianominierung auch schon klar: das Tor für den verletzten Frank Busemann steht offen, der DLV kommt um eine öffentliche Diskussion herum, nachdem keine drei Athleten in Ratingen die Norm von 8180 Punkten überbieten würden. 

Es war sein Zehnkampf. Hinter dem enteilten Boris Kawohl wurde Stefan Schmid auf einer Welle der Euphorie in 4:31,76 Minuten über 1500 Meter ins Ziel getragen – gefolgt von Florian Schönbeck, Mike Maczey und Klaus Isekenmeier. Dem phasenweise starken Philipp Ibe glitt in 4:57,36 Minuten der greifbar nahe zweite Gesamtrang förmlich durch die Finger. Stefan Schmid gewann mit 8485 Punkten überlegen! Mike Maczey und Klaus Isekenmeier blieben mit 8004 und 8002 Punkten deutlich unter ihren Möglichkeiten. Philipp Ibe (7974) und David Mewes (7913) scheiterten an der 8000-Punkte-Marke. 

Neben den Siegern Astrid Retzke und Stefan Schmid stellten auch Annika Meyer (5979) und Sabine Krieger (5826) bei einem gelungenen Mehrkampf-Meeting persönliche Bestleistungen auf. Frank Busemann, der sich nun ohne Nominierungshickhack auf seine Genesung und Olympiavorbereitung konzentrieren kann, war am Ende die Erleichterung anzusehen. Für Stefan Schmid ging in Ratingen ein Lebenstraum in Erfüllung. Für die Olympiade kündigte er bereits an, noch ein paar Punkte drauflegen zu wollen. Nicht weniger glücklich war Astrid Retzke, die nach dem 800-Meter-Lauf einen lautstarken Jubelschrei gen Himmel losließ!

Dirk Gantenberg besuchte für das Leichtathletik-Online-Magazin
die Olympia-Qualifikation in Ratingen

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